Dieter Neuhaus, Entwurf 9.3.09

Lebt das palästinensische Kind Mohammed al-Dura noch?

Es ist bemerkenswert, mit welcher Akribie von interessierter Seite versucht wird, das Schicksal des Palästinenserkindes Mohammed in dem Sinne aufzuklären, dass es gar nicht von israelischen Soldaten erschossen wurde, sondern in Wirklichkeit noch lebt.

 Kurzer Blick zurück in das Jahr 2000, genauer: 30 September, 14 Uhr. Schauplatz des Geschehens: Die Al-Shohada-Straßenkreuzung in der Nähe einer israelischen Siedlung und eines palästinensischen Flüchtlingslagers, im damals noch israelisch besetzten Gaza-Streifen. Hier war es schon Stunden zuvor zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den an dieser Kreuzung stationierten Besatzungssoldaten und protestierenden Palästinensern gekommen. Filmaufnahmen eines französischen Kamerateams zeigen den entsetzten Mohammed, der sich vor israelischen Gewehrkugeln Schutz suchend an seinen Vater klammert und unmittelbar danach von der israelischen Armee in den Armen seines Vaters erschossen worden sein soll. Diese Nachricht und diese Bilder gingen um die Welt. Am 4. März 2009 brachte das Erste Deutsche Fernsehen zu diesem Geschehen einen Film mit dem Titel: „Das Kind, der Tod und die Wahrheit“ der deutschen Journalistin Esther Shapira, die schon 2002 den Film: „Drei Kugeln und ein totes Kind - Wer erschoss Mohammed al-Dura?“ gedreht hatte. Ihr Fazit damals: die israelische Armee war es nicht! In ihrem neuen Film kommt Frau Shapira zum Ergebnis: der Junge lebt vielleicht noch, jedenfalls gibt es keinen Beleg dafür, dass er tot ist. Zu diesem Fazit kommt die Journalistin aufgrund der Ergebnisse biometrischer Gesichtsvermessung und der Vermutung, dass statt Mohammed dessen Cousin Rami „ums Leben gekommen“ und beerdigt worden sei.

 Spätestens an dieser Stelle des Shapira-Films wird wohl vom Fernsehzuschauer erwartet, dass er erleichtert aufatmet: Mohammed lebt vielleicht noch! Wie viele andere Palästinenser bei der wilden Schießerei der Besatzungssoldaten getötet wurden, unter ihnen wohl auch Mohammeds Cousin, wird in dem Film von Frau Shapira nicht gefragt. Aber eine andere Frage mag die Zuschauer bewegt und zum Grübeln gebracht haben: wie viele palästinensische Kinder und Jugendliche wurden beim jüngsten Angriff Israels auf Gaza getötet? Zehn , fünfzig oder gar Hundert? Die aktuelle Zählung der Vereinten Nationen und des palästinensischen Gesundheitsministeriums kommt auf nicht weniger als 450 getötete Kinder und Jugendliche. Wie viele Kinder haben die Angriffe überlebt, wurden dabei aber schwer verwundet oder gar verkrüppelt? Hundert, zweihundert? Nein, es waren insgesamt 1.900!

Der für seine schonungslose Kritik an Israels Besatzungspolitik bekannte und mehrfach ausgezeichnete Haaretz-Mitarbeiter Gideon Levy hatte den Fall „Mohammed al-Dura“ im Oktober 2007 noch einmal aufgegriffen und den Blick seiner Leser auf die schreckliche Tatsache gelenkt, das Israel seit Oktober 2000 nicht weniger als 850 Kinder getötet hat. Er schrieb damals, dass der „Mord an Mohammed“ ein Symbol gewesen sei für israelische Brutalität und das skandalöse Morden von palästinensischen Kindern.

 Frau Shapira kann also noch viele preisgekrönte Filmdokumentationen über palästinensische Kinder drehen. Aber sie könnte sich auch der Ungeheuerlichkeit widmen, dass die israelische Armee innerhalb weniger Tage in Gaza weit über 2.000 Kinder getötet oder schwer verletzt hat. Allerdings hätte sie in diesen Fällen keinerlei Chancen, wenn sie auch hier versuchen sollte, die israelische Armee von ihren schweren Verbrechen gegen die Menschlichkeit und das Völkerrecht rein zu waschen.

 Frau Shapira könnte sich auch der Ermordung des dreizehnjährigen Hammad S. durch eine israelische Militärpatrouille in Gaza annehmen. Der junge Schäfer weidete am 24. Februar 2009 im Gaza-Streifen die Schafe und Ziegen der Familie in einer Entfernung von 500 Metern vom Grenzzaun zu Israel. Ein Soldat tötete den Jungen mit einem Kopfschuss und fuhr weiter. Während des israelischen Angriffs auf Gaza waren am 5. Januar schon mehrere Familienmitglieder getötet worden: Hammads 80 Jahre alte, bettlägerige Großmutter und zwei Cousinen im Alter von vier Jahren bzw. 18 Monaten. Außerdem hatte die israelische Luftwaffe an diesem Tag die beiden einfachen Wohnhäuser der Familie zerbombt (wobei die Großmutter schwer verletzt wurde und verblutete, denn die Israelis ließen keinen Krankenwagen zum Haus). Bei diesem Angriff hatten die Israelis auch noch 60 Ziegen, drei Kühe und Hammads Esel getötet.

 
Wer sich näher informieren möchte zum „Fall“ des Mohammed al-Dura, findet  bei Wikipedia nicht weniger als 27 Seiten dazu. Näheres zur Ermordung von Hammad ist zu lesen auf der Webseite www.pchr.org.

 

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