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‚Wir können ihnen nicht vergeben, dass sie uns zwingen, ihre Kinder zu töten …‘

Ich hatte mein Editorial schon geschrieben, als ich plötzlich an diesen unsäglichen Satz von Golda Meir erinnert wurde, die ja auch gesagt hat, dass sie ein palästinensisches Volk nicht kennt. Die mich daran erinnert hatte, war Lala Süsskind, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Berlin, die das anlässlich einer Solidaritätskungebung mit dem militanten Israel gesagt hatte. Sozusagen als Anlehnung an den berühmten, ironischen Kalauer von Henryk M. Broder: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“

Mir war klar, dass dies weder ironisch noch komisch gemeint war, sondern vollkommen ehrlich und ernst. Ja, so sind sie, diese Lalas. Zu ernsthafteren Aussagen, als eben solche Peinlichkeiten sind sie offensichtlich nicht fähig. Da bekommt man ja, bevor man sich übergeben muss, Mitleid mit den armen israelischen Soldaten, hinter denen palästinensische Väter stehen, die sie mit gezogener Pistolezwingen, ihre Kinder zu erschießen. Sie schießen und weinen, das war schon mal der Titel eines Buches, das 1967 nach dem Sechs-Tage-Krieg in Israel Furore gemacht hatte und Mitleid mit den armen israelischen Soldaten erweckte, die gezwungen waren zu töten.
Die Juden glauben, dass Gott in der Welt zehn Maß an Klugheit verteilt hat und sie neun davon bekommen haben. Nun, so überheblich will ich nicht sein, mir reicht ein Maß. Wenn die Juden aber nur ein Maß an Klugheit erhielten und gleichzeitig auch neun Maß an Dummheit, dann kann wohl Lala Süsskind von diesen letzteren neun Maß den Löwenanteil für sich in Anspruch nehmen. Denn wenn eine solche Aussage nicht ironisch ist, dann ist sie zynisch, selbstgerecht und eben dumm. Aber Selbstgerechtigkeit ist in diesen Tagen unter den Israelis und Juden billig zu haben, und Dummheit wird kostenlos verteilt, und jeder gebraucht sie nach seinem Bedarf.
„Sie zwingen uns ihre Kinder zu töten“ und wir lassen uns gerne zwingen, so wie man uns zwingt zu glauben, dass Israel eine lupenreine Demokratie ist, und wir gerne daran glauben. Es glaubt eben jeder das, was er glauben möchte und es lässt sich jeder zu dem zwingen, was er sowieso machen möchte. Versuchen Sie mal, Frau Süsskind, die israelischen Siedler zu zwingen ihre ungesetzlich gebauten Siedlungen zu verlassen, da wird es nicht mehr so lustig sein mit dem Gehorchen. Im Grundkurs für Psychologie wird man Ihnen schon beibringen, dass sich jeder nur zu dem zwingen lassen wird, was er sowieso machen will, es sei denn Sie sperren ihn ein und wenden Folter an.
Ich habe gestern bei ARTE eine ältere deutsche Frau gesehen, die in den Jahren 1942 bis 1945 als Sekretärin bei den IG-Farben in Luna gearbeitet hatte. Sie will vom 6 Kilometer entfernten Konzentrationslager Auschwitz nichts gewusst haben. Und den Gestank der verbrannten Leichen haben nur ihre Kollegen gerochen, sie aber nicht. An diese Frau erinnert mich Lala Süsskind.
In den letzten Tagen haben wir alle den furchtbaren Krieg in Gaza erlebt, der kaum noch „Krieg“ genannt werden darf, sondern Gemetzel an einer Bevölkerung, die sich kaum verteidigen konnte und kann. Fast die gesamte deutsche Presse vertrat die Meinung der israelischen Regierung, dass die Hamas die Verantwortung trägt, als ob der alleinige Grund für die Zerstörung der Stadt in den Kassem-Raketten liege und all das, was es Jahrzehnte lang vorher schon gab, nicht mehr gibt. Keiner, nicht Olmert und schon gar nicht Merkel, wollte und konnte den Zusammenhang zwischen der Vertreibung der Palästinenser aus Askelon, im Jahre 1953, und der Beschießung von Askelon, machen: Also nach Ursache und Wirkung zu fragen.
Um hier auch einige Stimmen der Vernunft, israelische und palästinensische und deutsche, zu Wort kommen zu lassen, wurde die Idee geboren, die Zeitschrift SEMIT, die ich schon vor bald 20 Jahren herausgegeben habe, wieder ins Leben zu wecken, und ein Printmedium wieder auf den Markt zu bringen, das als Sprachrohr des progressiven, liberalen und kritischen Judentums dienen soll.
Wir wollen endlich damit aufhören, unsere sechs Millionen ermordeten Familienangehörigen als Bollwerk gegen die ermordeten Palästinenser aufzustellen. In Gaza waren es nur tausenddreihundert Opfer; das ist nichts im Vergleich zu… Henryk M. Broder hat vollkommen Recht, wenn er sagt, dass die Israelis „Täter“ sind. Er hat allerdings vollkommen Unrecht, wenn er meint, dass „Täter sein Spaß macht“.
Nein, es macht überhaupt keinen Spaß Täter zu sein und Opfer, die man verschuldet hat, zu verhöhnen und zu diskriminieren. Es macht keinen Spaß ewig mit der Waffe in der Hand leben zu müssen und mit dem Gewehr „schlafen zu gehen“, und wir sollten endlich alle begreifen und eingestehen, dass der Nah-Ost-Konflikt mit Waffengewalt nicht zu lösen ist. Verlangt wird, wie es Daniel Barnboim neulich sagte: Vernunft und nochmals Vernunft.
Wir hoffen mit dieser Zeitschrift positive Impulse für eine notwendige Diskussion zu geben.
Und last not least: SEMIT ist hier nicht symbolisch, nationalistisch oder gar rassistisch gemeint, sondern schlicht und einfach als frecher, provokativer Name, der uns alle zum Nachdenken zwingt.

 

Abraham Melzer

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Kommentare (1)
  • |124.135.231.xxx |2010-08-05 02:07:20 Anonym
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