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| Das Kitab-i Anusi und die Rekonstruktion jüdischen Lebens im Iran der frühen Neuzeit |
| Sonntag, den 18. Dezember 2011 um 14:36 Uhr |
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Von Sebastian Tschorn
Folgt man der jüdischen Geschichtsschreibung, so war es der assyrische König Tiglat-Pileser III., der vor mehr als 2700 Jahren durch die Eroberung Israels und die Deportation seiner Bewohner in den heute iranischen Teil Kurdistans die jüdische Diaspora im Iran begründet hat. In dieser langen Zeit ihrer Anwesenheit im „Land der Arier“ waren die iranischen Juden Augenzeugen der Gründung und des Falls ganzer Dynastien und politischer Systeme, von den Achämeniden bis zur Islamischen Republik Khomeinis, sowie der Entstehung religiöser Bekenntnisse wie des Sufismus und des Bahaismus auf iranischem Boden. Und sie erlebten die Eroberung des Landes durch die Araber und die Etablierung einer neuen Mehrheitsreligion, des Islam, im 7. Jahrhundert.
Mit der Machtergreifung des schiitischen Safawiyya-Ordens im Jahre 1501 unter dem damals erst vierzehnjährigen Isma’il ergaben sich für das bis dahin sunnitisch-sufistisch geprägte Gebiet des heutigen Iran tiefgreifende sozioreligiöse Umwälzungen, die sich jedoch primär auf die muslimische Bevölkerungsmehrheit auswirkten, deren Bekehrung zur 12er-Schia das vorrangige Ziel der neuen Machthaber darstellte. Den nichtmuslimischen Minoritäten (Christen, Juden, Zoroastriern, Hindus und Buddhisten) war es demgegenüber gestattet, ihren jeweiligen Glauben zu behalten, sofern sie bereit waren, die Oberhoheit des neuen Staates und seiner Ideologie zu akzeptieren und sich einer Reihe von Bestimmungen zu unterwerfen, die einerseits die Unterordnung der ahl adh-dhimma („Schutzbefohlenen“) unter die Muslime im Alltag sichtbar machen sowie andererseits dem Glauben der 12er-Schiiten an die rituelle Unreinheit (persisch „nejasat“) der Andersgläubigen Rechnung tragen sollten. Basis dieses Abkommens zwischen safawidischem Staat und seinen „Schutzbefohlenen“ bildete hierbei im Wesentlichen der auch im sunnitischen Raum maßgebliche „Pakt des Umar“, dessen Bestimmungen von allen diese Frage behandelnden 12er-schiitischen Rechtsgelehrten in ihren fiqh-Werken in mehr oder minder identischer Form repetiert werden. Aus diesen Rechtstexten lassen sich jedoch höchstens in ihrer Aussagekraft beschränkte Rückschlüsse auf das Verhalten der staatlichen Behörden gegenüber den nichtmuslimischen Minderheiten ziehen, denn der große Mangel an sonstiger einschlägiger Literatur erlaubt keinerlei gesicherte Angabe über die tatsächliche Umsetzung dieser religiösen Vorgaben im Iran des 16. Jahrhunderts.
Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts, mit dem Aufblühen des safawidischen Staates unter der Herrschaft Schah Abbas‘ I. („des Großen“, 1588-1629) und dem Einsetzen einer regen Reisetätigkeit europäischer Kaufleute, Abenteurer und christlicher Gesandtschaften, änderte sich diese Situation, und immer mehr Informationen auch über das Leben der religiösen Minderheiten erreichten eine zunehmend interessierte europäische Öffentlichkeit. Die wertvollsten Kenntnisse über das Leben der iranischen Juden in jener Zeit verdanken wir jedoch einem Angehörigen dieser Glaubensgemeinschaft selbst, einem Mann namens Babai Ben Lutf aus der Stadt Kaschan. In einer Chronik mit dem Titel Kitab-i Anusi („Buch eines Zwangsbekehrten“) hat er das Schicksal der Juden Irans zwischen den Jahren 1613 und 1662 festgehalten.
Über den Autor dieser in persischer Sprache, jedoch in hebräischer Schrift verfassten Chronik ist so gut wie nichts bekannt. Der Beruf und die soziale Stellung Babais liegen genauso im Dunkeln wie sein Geburts- oder Sterbedatum; sicher ist nur, dass das Kitab-i Anusi irgendwann nach 1662 verfasst worden ist. Daneben ist nur ein weiteres Werk aus der Feder dieses Autors, ein kurzes Gedicht zu Ehren des Propheten Elias, auf uns gekommen. Im Kitab-i Anusi äußert Babai zumindest, dass auch er einige Jahre lang äußerlich das Leben eines Muslims habe führen müssen, da er auf Rücksicht auf seine Familie und sein eigenes vorgerücktes Alter nicht in der Lage gewesen sei, nach Bagdad zu emigrieren. Als zutiefst religiöser Mensch erklärt Babai die Verfolgungen selbst mit den „Sünden seiner Generation“, d.h. der Vernachlässigung der religiösen Vorschriften durch seine Glaubensgenossen. Nach seiner Ansicht habe Gott sein Volk auf diese Weise testen und von seinem Irrweg abbringen wollen.
So kam es in der im Kitab-i Anusi beschriebenen Zeitperiode zu mehreren Fällen der Zwangsbekehrung iranischer Juden durch staatliche Behörden, die von Babai Ben Lutf äußerst detailliert geschildert werden. In zwei Fällen sei die Verfolgung ausgerechnet durch Juden selbst, die nach Streitigkeiten innerhalb ihrer Gemeinden zum Islam übergetreten seien und ihre ehemaligen Glaubensgenossen daraufhin vor den staatlichen Behörden angeschwärzt hätten, ausgelöst worden. Ein zur damaligen Zeit offenbar beliebtes Mittel der Denunziation war der Vorwurf, innerhalb der jüdischen Gemeinschaft werde Magie gegen den Schah praktiziert, was den abergläubischen Abbas I. in drei im Kitab-i Anusi ausführlich geschilderten Fällen dazu brachte, jüdische Gemeindeführer hinrichten und die gesamte Gemeinde der Hauptstadt Isfahan zum Islam zwangsbekehren zu lassen. Diese „Neumuslime“, die insgeheim natürlich ihrem wahren Glauben treu blieben, mussten zum Beweis ihrer Aufrichtigkeit zumeist Fleisch und Milch zu sich nehmen und wurden von muslimischen Gelehrten in ihrem neuen Glauben unterwiesen. Im dritten Fall der Zwangsbekehrung unter Abbas I. war es hingegen ein niederrangiger muslimischer Finanzbeamter, der sich zuvor an den Juden Isfahans hatte bereichern wollen und der diese, nachdem sie sich bei dessen Vorgesetzten beschwert hatten, vor dem Schah erneut der Magie bezichtigte. Vier ganze Jahre lang lebten die Juden Isfahans nach Aussage Babai Ben Lutfs danach äußerlich als Muslime, bis ihnen Schah Safi (1629-1642), der Nachfolger Abbas‘ I., die offene Rückkehr zum Judentum gestattet habe.
Unter dem nächsten Schah, Abbas II. (1642-1666), wurde der auf die Juden ausgeübte Druck dann offenbar stärker als jemals zuvor. So berichtet das Kitab-i Anusi ab dem Jahr 1656 von einer erneuten Welle der Zwangsbekehrung, die in Isfahan ihren Ausgang genommen, sich aber bald auf das ganze Land ausgedehnt habe. Als Auslöser dieser Periode der Drangsal für die Juden Irans nennt die jüdische Chronik den Diebstahl eines kostbaren Dolches aus dem Besitz des Schahs durch einen muslimischen Gärtnergehilfen; dieser habe jedoch einen Teil davon an zwei Juden verkauft, die sich über die Herkunft des Stücks wohl nicht im Klaren waren. Auf Initiative des machthungrigen und intriganten Großwesirs Muhammad Beg habe der Schah in seinem Zorn nichtsdestotrotz die Zwangsbekehrung aller Juden seines Reiches angeordnet, deren Verlauf das Kitab-i Anusi ausführlich schildert und die auch von anderen Quellen – der wichtigsten muslimischen Chronik der damaligen Zeit, dem Abbasnama, der Chronik des Armeniers Arakel von Tabriz und den Berichten europäischer Besucher – erwähnt wird.
Aus diesen Quellen geht jedoch auch hervor, dass die Juden damals keineswegs die einzigen Opfer staatlicher Gewalt waren; vielmehr scheint sich in der Amtszeit Abbas‘ II. bereits die Ausbreitung einer immer puritanischer werdenden 12er-Schia abgezeichnet zu haben, die nicht nur alle religiösen Minderheiten des Landes bedrohte, sondern sich auch auf die Beziehungen Irans zu den christlichen Staaten Europas negativ auswirkte. Auch darf man aus der Darstellung der Zwangsbekehrungen der iranischen Juden keineswegs den Eindruck gewinnen, diese seien im safawidischen Iran ständiger Gewalt ausgesetzt gewesen. So befanden sich die Juden in einigen Landesteilen durchaus in ökonomisch einflussreichen Positionen und konnten immer wieder auf die Hilfe hoher staatlicher Kreise und religiöser Autoritäten zählen. In seiner Chronik nennt Babai Ben Lutf beispielsweise den Gouverneur der Provinz Fars zur Zeit Abbas‘ I., Allahverdi Khan, und die beiden hohen schiitischen Geistlichen Baha ad-Din al-Amili und Muhsin Fayz-i Kashani als Unterstützer der Juden.
Der unschätzbare Wert des Kitab-i Anusi für die historische Forschung besteht vor allem darin, dass uns dieses Werk einen detaillierten Einblick in das Leben und die soziopolitische Verfasstheit der jüdischen Gemeinschaft Irans in der frühen Neuzeit ermöglicht – ohne die Chronik Babai Ben Lutfs wären wir für eine Rekonstruktion jüdischen Lebens ansonsten auf Quellen angewiesen, die die Juden, wenn überhaupt, nur en passant erwähnen und sich über innerjüdische Ereignisse völlig ausschweigen. Aus dem Kitab-i Anusi lassen sich beispielsweise brauchbare Rückschlüsse auf die damalige Gemeindeordnung der iranischen Juden ziehen: So können wir annehmen, dass es im safawidischen Iran – anders als im Osmanischen Reich – zur damaligen Zeit keinen Oberrabbiner gab, der als zentraler Verbindungsmann zu den staatlichen Behörden hätte dienen können. Stattdessen werden die kadkhudas oder auch nasis als Führer der jüdischen Gemeinden genannt, von denen jede eigenständig auf die Bedrohungen, denen sie sich gegenübersah, reagierte. Auch erwähnt das Kitab-i Anusi keinerlei jüdische Schiedsinstanz, die bei innerhalb der Gemeinden auftretenden Konflikten vermittelt und so eine Anrufung der muslimischen Behörden verhindert hätte. Im Vergleich zum osmanischen Judentum scheinen die Glaubensbrüder im benachbarten Iran kulturell und organisatorisch unterentwickelt gewesen zu sein. Gerade dies macht die Chronik des Babai Ben Lutf aus Kaschan so wertvoll. |














